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"Urangst der Print-Journalisten vor Online unbegründet"
OÖN-Chefredakteur Gerald Mandlbauer im pressetext-Interview

Chefredakteur Mandlbauer
[Pressefoto anzeigen]
Linz (pte/30.03.2009/10:45) - Die Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) http://www.nachrichten.at zählen mit einer Auflage von bis zu 160.000 Exemplaren zu den fünf meistgelesenen Zeitungen im Land. Im Gespräch mit pressetext erläutert Chefredakteur Gerald Mandlbauer, warum die starke regionale Ausrichtung der Zeitung einen Vorteil in der aktuellen Zeitungskrise bedeutet und dass die Angst vieler Printjournalisten vor Online unbegründet ist. Angesichts der konjunkturell angespannten Lage stellt Mandlbauer die Preispolitik der APA in Frage und erklärt zudem, warum Gratis-Tageszeitungen nun endgültig ausgedient haben.

pressetext: Der Printbereich befindet sich nachweislich in der Krise, sowohl was den Anzeigenbereich als auch die Leserzahlen betrifft. Was tun die Oberösterreichischen Nachrichten, um in dieser Situation nicht Schiffsbruch zu erleiden?
Mandlbauer: Das Wort Krise würde ich von vornherein zurückweisen, und zwar was beide Märkte betrifft. Oberösterreich ist zugegeben ein umkämpftes Land mit einer Reihe von Gratis-Tageszeitungen. Gleichzeitig hat sich aber die Rundschau als Kaufzeitung verabschiedet und auch Österreich baut lokal massiv ab. Diese freigewordenen Lücken bieten naturgemäß Chancen für uns. Im Innviertel sind wir etwa mit zwei lokalen Wochenzeitungen gestartet, die als Beilage zur Tageszeitung im 3-Tages-Abo bezogen werden können.

pressetext: Ist die Besinnung auf regionale Inhalte ein Konzept, das in Krisenzeiten zum Erfolg führen kann?
Mandlbauer: Absolut. Das beweist auch die neue Innviertel-Beilage, die uns über Freiverkauf und Kurz-Abos rund 14.000 zusätzlich verkaufte Zeitungen beschert. Wer lokal gut verankert ist, der ist krisenresistent, das sieht man auch in den USA. Das sogenannte Zeitungssterben bezieht sich dort vor allem auf die großen überregionalen Blätter. Und dass man die eigenen Strukturen ständig adaptieren muss, ist ja nichts Neues. Das haben wir schon in den Jahren 2003, 2004 und auch in den Folgejahren getan und müssen das im aktuellen Jahr eben wieder vermehrt tun.

pressetext: Gerade die Kronenzeitung ist mit einem starken lokalen Fokus vor Ort verankert. Wo sehen Sie die Stärken der OÖN angesichts dieser Konkurrenz?
Mandlbauer: Glaubwürdigkeit und Seriosität - wir wollen keinen Boulevard machen und definieren uns als Qualitätszeitung mit starkem regionalen Schwerpunkt. Darüber hinaus sind wir ganz klar meinungsbildend in Oberösterreich. Das ist für eine Zeitung, die überleben will, wesentlich. So lesen 82 Prozent der Entscheidungsträger die OÖN, während die Krone in dieser Kerngruppe gerade einmal 36 Prozent erreicht. Da zeigt sie ungeachtet der schieren Masse an Lesern absolute Schwächen.

pressetext: Online boomt über alle Sparten hinweg, noch tun sich klassische Medien aber schwer lukrativ zu wirtschaften. Wie sieht die Strategie der OÖN mit ihrem im Herbst 2008 überarbeiteten Web-Auftritt aus?
Mandlbauer: Ziel ist es, das Image und den Markenkern ins digitale Zeitalter zu übertragen. Print und online müssen dabei eine Markenfamilie bleiben, was eine gute Verzahnung zwischen der Print- und Onlineredaktion voraussetzt. Als regionale Zeitung können wir uns ohnedies nicht zwei getrennte Kanäle leisten. Die Printredaktion liefert die Grundauslastung, dazu kommen einige Redakteure im Online-Bereich.

pressetext: Inwiefern verändert Online die Anforderungen an die Print-Redaktion?
Mandlbauer: Die Urangst der Print-Journalisten, dass man die eigenen Geschichten absticht, wenn man sie zuerst online verbreitet, ist meiner Meinung nach unbegründet. Daher heißt es auch bei uns immer häufiger "online first". Wenn wir also eine super Geschichte für die Printausgabe haben, überlegen wir uns, wie wir diese online mit Bildern und Filmen aufbereiten können. Das Interaktive, etwa das Posten von User-Kommentaren und -Bildern spielt dabei eine wichtige Rolle.

pressetext: Mit welchen Online-Angeboten wollen die OÖN bei den Leserinnen und Lesern punkten?
Mandlbauer: Wie im Print liegt der Schlüssel zum Erfolg im regionalen Angebot. Hier muss man in die Tiefe gehen, wie wir mit der umfangreichsten Veranstaltungsdatenbank Oberösterreichs und einer Reihe von Kooperationen mit Privatfernseh-Anbieter aus dem regionalen Raum beweisen. Diese beliefern uns mit wertvollen regionalen Videobeiträgen, während wir ihr Programm überregional bekannt machen.

pressetext: Welche Rolle spielen die Nachrichtenagenturen in dieser veränderten Medienlandschaft? Sind die großen nationalen Agenturen mit ihren hohen Beitragszahlungen noch zeitgemäß? In Deutschland verzichtet aktuell etwa die WAZ auf die dpa, in Österreich die Kronenzeitung auf die APA.
Mandlbauer: Die Kosten-Nutzen-Rechnung muss man gerade in konjunkturell schwierigen Zeiten sicher auch mit der großen österreichischen Agentur aufstellen, bei der wir Genossenschafter sind. Denn die Kosten sind Jahr für Jahr im Steigen begriffen, während das Angebot im für uns wichtigen regionalen Bereich dürftig bleibt. Das ist keine wirklich befriedigende Situation.

pressetext: Haben Sie das Gefühl, dass in diesem Bereich bereits ein Umdenken bei den großen Agenturen stattfindet?
Mandlbauer: Ich hoffe es. Derzeit ist es so, dass wir Zeitungen die Grundauslastung der APA sichern und dieser den Boden für Investitionen in Bereichen bereiten, die alles andere als in unseren Kernbereich fallen, wie etwa Auslandsexpansionen. Dazu kommt, dass wirklich interessante Features oder auch Bilder, die einen Mehrwert bieten, extra bezahlt werden müssen. Ich denke, hier muss sich die APA überlegen, wie man die eigenen Genossenschafter besser bedienen und zufrieden stellen kann.

pressetext: Sie haben das Phänomen der Gratis-Tageszeitungen angesprochen. Diese erfreuen sich ja weiterhin großer Beliebtheit.
Mandlbauer: Gratis-Tageszeitungen waren schon zu Hochkunjunkturzeiten nicht existenzfähig und sind es angesichts der angespannten Wirtschaftslage umso weniger. Ich glaube daher, dass wir wieder vor einem Epochenwechsel stehen. Die Leser sind angesichts der Papierflut und des Überangebots zusehends überfordert und werden sich auf das bewährte und gute Angebot besinnen. Jetzt schlägt die Zeit der gut gemachten Tageszeitungen.

pressetext: Angesichts der prekären Lage im Zeitungsmarkt ist erneut auch die Diskussion um das umstrittene Instrument der Presseförderung entfacht.
Mandlbauer: Es ist kein Geheimnis, dass ich die Presseförderung für ein Relikt halte, das nur der Marktverzerrung dient. Als gut wirtschaftende Zeitung könnten wir auf unseren bescheidenen Anteil gut verzichten. Gleichzeitig hätten dann aber zwei, drei große Titel ein echtes Problem, was demokratiepolitisch und aus journalistischer Sicht ebenfalls bedenklich wäre. Wirtschaftlich gesehen, ist es für uns natürlich ein Nachteil.

pressetext: Was wäre eine Alternative?
Mandlbauer: Mir gefällt das französische Modell. Dort übernimmt der Staat ein Kontingent von Zeitungsabos, die dann an junge Leser vergeben werden.

pressetext: Auf den Medientagen hat Hans-Jörgen Manstein davor gewarnt, dass Medien zunehmend Macht ausüben wollen, anstatt nur zu kontrollieren. Wie definieren Sie die Kernaufgabe der OÖN?
Mandlbauer: Informieren auf hohem Niveau - kritisieren, wo es Missstände gibt. Das wird von einer Tageszeitung verlangt. Gleichzeitig darf sie niemals mit in den Ring steigen und Mitspieler werden, so wie wir es etwa vom Kleinformat bei der letzten Nationalratswahl gesehen haben. So etwas ist bei uns verpönt, das würden uns unsere Leser zudem auch nicht verzeihen.

pressetext: Welche Vorhaben sollen im laufenden Jahr noch umgesetzt werden?
Mandlbauer: Neben der Etablierung der Innviertel-Projekte wollen wir weitere Abonnenten gewinnen und unserem Ruf als Meinungsführer gerecht werden. Mit den oberösterreichischen Landtagswahlen steht zudem ein wichtiges Ereignis an, bei dem wir auch über die Landesgrenzen hinaus mit federführenden Beiträgen punkten werden. National gesehen werden wir da oftmals unter unserem Wert geschlagen. Immerhin verkaufen wir 40 Prozent mehr Zeitungen als DerStandard oder DiePresse. Das müsste noch stärker in die Köpfe hinein. (Ende)



Aussender: pressetext.austria
Redakteur: Martin Stepanek
email: stepanek@pressetext.com
Tel. +43-1-81140-308

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